Biographie (Kurzübersicht)


Foto Sohn-Rethel

 

Alfred Sohn-Rethel, Urenkel des bekannten Historienmalers Alfred Rethel, wird am 4. Januar 1899 in Neully-sur-Seine bei Paris geboren. Von 1908 bis 1912 lebt er als Pflegekind in der Familie des Stahlindustriellen Ernst Poensgen. Bereits in seiner Schulzeit beginnt er mit der Lektüre des Kapital von Marx, dessen dreibändige Ausgabe er sich von Poensgen zu Weihnachten schenken läßt. Durch einen russischen Schulfreund erhält er ersten Kontakt zur Anti-Kriegsbewegung. Die in der Folge entstehenden Konflikte in der Schule und in der Familie Sohn-Rethel (die 1912 mit ihm nach Berlin zurückgekehrt war), führen dazu, dass Alfred Berlin verlässt und im Januar 1917 in Lüneburg sein Abitur macht.

Auf Wunsch und Druck der Eltern immatrikuliert er sich zunächst in Darmstadt in Chemie, wechselt aber noch im selben Jahr nach Heidelberg, um Ökonomie, Philosophie, Geschichte und Soziologie zu studieren. Er pendelt zwischen Heidelberg (wo er Emil Lederer, Alfred Weber, Heinrich Rickert hört) und Berlin, wo Ernst Cassirer über Kant und Probleme der Erkenntnistheorie liest. 1921/22 zieht sich Sohn-Rethel nach Gaiberg, einem kleinen Ort am Königsstuhl, zurück, wo er sich 1½ Jahre "Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe" mit dem Marxschen Kapital beschäftigt. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Warenanalyse bringt ihn auf eine Entdeckung, die ihn forthin sein ganzes Leben beschäftigen wird und sein gesamtes Werk konstitutiv begleitet: es ist dies die Entdeckung des Transzendentalsubjekts in der Warenform.

Nach seiner Heirat mit Tilla Henninger und der Geburt seiner Tochter Birgit (1920/21) zwingt ihn die desolate wirtschaftliche Situation in Deutschland zu einem längerem Aufenthalt auf Capri. Hier lebt die junge Familie von 1923 bis 1926 in der Villa des Onkels Otto Sohn-Rethel, sowie in Positano bei Alfreds "Lieblingsonkel", dem Maler Karli Sohn-Rethel. In diese Zeit fallen zahlreiche essayistische Texte, sowie die Begegnung mit den ebenfalls auf Capri lebenden und arbeitenden Adorno, Benjamin, Bloch, Kracauer.

Vesuv SR Vesuvbesteigung Theodor W. Adorno

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitet Sohn-Rethel an seiner Dissertation und promoviert im Frühjahr 1928 in Heidelberg bei Lederer (Ökonomie), Altmann (Soziologie), Rickert (Philosophie) und Curtius (Französisch). Seine Dissertation "Von der Analytik des Wirtschaftens ...", eine scharfsichtige Arbeit zur Grenznutzentheorie, findet sich in "Warenform und Denkform". Im Januar 1929 reist Sohn-Rethel nach Davos um an den Internationalen Hochschulkursen teilzunehmen, die wegen des legendären Zusammentreffens von Cassirer und Heidegger in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen sind. Eine schwere Lungenerkrankung zwingt ihn zum weiteren Verbleib in Davos. Erst im Frühjahr 1931 kann er nach Deutschland zurückkehren. Im September 1931 nimmt Sohn-Rethel eine - durch Ernst Poensgen vermittelte – wissenschaftliche Tätigkeit beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag auf.

Ernst Cassirer EC Erkenntnis Walter Benjamin

1936 verlässt er Deutschland und geht nach Luzern. Dort entsteht in wenigen Monaten sein "Exposé zum Plan einer soziologischen Theorie der Erkenntnis". In Paris schreibt Sohn-Rethel im Auftrage Horkheimers den Text "Zur kritischen Liquidierung des Apriorismus". Walter Benjamin fungiert dabei als offizieller Gutachter des Frankfurter Instituts. Im November des Jahres trifft sich Sohn-Rethel in Oxford mit Adorno. Dennoch kommt es nicht zu dem erhofften Anschluss an das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das seinen Sitz inzwischen in die Vereinigten Staaten verlegt hatte. Enttäuscht legt Sohn-Rethel seine Arbeit in England vor und erhält ein einjähriges Stipendium.

Im Oktober 1937 übersiedelt er ganz nach London. In der folgenden Zeit lebt er abwechselnd in London und Birmingham, wo er im Rahmen der Flüchtlingshilfe für Immigranten Aufnahme bei einer englischen Familie findet. Mitte 1940 wird Sohn-Rethel wie andere deutsche, österreichische und italienische Immigranten in London interniert und erst Anfang 1941 wieder entlassen. Nach Kriegsende bleibt er in England. Er hat inzwischen eine Engländerin geheiratet, die sich als Jüdin kein Leben in Deutschland vorzustellen vermag. In den Folgejahren arbeitet Sohn-Rethel in der Erwachsenenbildung und veranstaltet Einführungen in die politische Ökonomie.

1950 bis 1951 schreibt er in englischer Sprache den Urtext von "Geistige und körperliche Arbeit". In dieser Zeit kommt es zu einer engen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Altphilologen George Thomson. Durch dessen Vermittlung hält Sohn-Rethel 1961 einen Gastvortrag an der Berliner Humboldt-Universität. Ab Mitte der 50er Jahre bis 1962 unterrichtet Sohn-Rethel als "Privatgelehrter" an einer englischen Schule Französisch.

Sohn-Rethel - Foto Radio Bremen SR GKA

1970 erscheint im Suhrkamp-Verlag nach dreimonatiger Arbeit die deutsche Fassung von "Geistige und körperliche Arbeit". Sohn-Rethel wird daraufhin von verschiedenen bundesdeutschen Universitäten zu Gastvorträgen eingeladen und erhält schließlich 1972 eine Gastprofessur an der soeben gegründeten Universität Bremen. Von 1976-1978 lebt er wieder in Birmingham, um die englische Ausgabe seiner Texte zu betreuen. 1978 erhält er – wo andere bereits längst emeritiert sind - eine ordentliche Professur in Bremen. Nach seiner Heirat mit der Bremer Buchhändlerin und Verlegerin Bettina Wassmann folgt eine Phase reger Tätigkeit mit der Herausgabe überarbeiteter Texte. Neben der Ehrendoktorwürde der Universität Bremen, wird ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen; zunächst scheint er schockiert, doch trägt er auch diese späte Auszeichnung mit der ihm eigenen heiteren Gelassenheit. Alfred Sohn-Rethel stirbt am 6. April 1990 - 91-jährig - in Bremen.

 

 

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